Die Dissertation von 2001 (online verfügbar) enthält die bis heute (2012) einzige Gesamtdarstellung der deutschsprachigen Literaturtheologie von 1945 bis 2000 (mitsamt der bislang umfangreichsten Bibliographie zum Thema).
Dazu entwirft die Arbeit den Aufriss eines bis heute weitgehend unerschlossenen Forschungsfeldes: des Verhältnisses von Literaturwissenschaft und Theologie im deutschsprachigen Raum. Die Dissertation war damals die erste (und einzige) Arbeit, die die literaturtheologischen Diskussionen um ‘christliche Literatur’ systematisch und vollständig abbildet, und sie ist es – leider, muss man sagen – bis heute geblieben. Es ist eine literaturwissenschaftliche Arbeit, die anschlussfähig ist für eine theologiegeschichtliche Ergänzung und an verschiedenen Stellen ganz explizit auf deren Notwendigkeit verweist. Eine solche allerdings ist bis heute nicht geschrieben.
Nun könnte man einwenden, das Thema ‘christliche Literatur’ sei ein lange erledigtes Thema. Das ist es vielleicht auch – könnte es jedenfalls sein, wenn sich die gegenwärtige Literaturtheologie ihrer historischen Tiefendimension bewusst wäre. Das jedoch ist nicht der Fall (jedenfalls bin ich für einen Gegenbeweis dankbar).
So ist auch der damaligen Bestandsaufnahme nichts grundsätzlich Neues hinzuzufügen: Es sind fast ausschließlich Theologen bzw. Religionsdidaktiker, die sich mit christlichen Dimensionen von Literatur, also der ‘Theologie von Literatur’, vulgo: der Literaturtheologie, beschäftigen. Die Literaturwissenschaft degeneriert dabei regelmäßig zur Hilfswissenschaft, derer man sich bedient, wo es gerade passt.
Ein höchst selektives Interesse an Literatur, das sich auf solche Weise manifestiert – und gegen das sich im Grunde auch gar nichts einwenden ließe. Allerdings beansprucht dieses (literaturtheologische) Interesse eine durchaus selbstbewusste Deutungshoheit. Diese Deutungshoheit genauer zu betrachten, darf die Literaturwissenschaft folglich beanspruchen; genau das wird in der Dissertation unternommen.
Selektiv ist auch die Wahrnehmung der Literaturtheologie von sich selbst – zuletzt, mit einem etwas weiteren Blick, Georg Langenhorst, der mit seinem ‘Handbuch’ erneut eine Überschau aus theologischer Binnensicht gibt, dabei aber literaturwissenschaftlich bei Erich Auerbachs ‘Mimesis’ und Albrecht Schönes ‘Säkularisation’ steckenbleibt. Vom eigenen Anspruch, das Forschungsfeld zwischen Theologie und Literaturwissenschaft auszumessen, ist seine theologisch gewiss verdienstvolle Arbeit leider weit entfernt. Ein Grundlagenwerk ist es allenfalls für Religionsdidaktiker.
Aber Langenhorst ist nur ein Beispiel, wenn auch ein typisches: Das eigene Erkenntnisinteresse wird in der deutschsprachigen Literaturtheologie durchweg selten reflektiert, jedenfalls nicht über den eigenen Diskurs hinaus; vorherrschend ist – bis heute – ein Tonfall zwischen Apologetik und Glaubensstärke. Dessen theologische Reflexionshöhe sei gar nicht bestritten. Und über die jeweilige christliche Haltung, die literaturtheologischem Bemühen zugrundeliegt, aus literaturwissenschaftlicher Perspektive ein Urteil sich anzumaßen, wäre in der Tat vermessen. Wenn allerdings – um ein weiteres Beispiel zu nennen – ein namhafter katholischer Literaturkritiker in einem renommierten Publikationsumfeld die Chomeini-’Fatwah’ gegen Salman Rushdie nicht etwa zurückweist, sondern in sublimer Formulierungskunst billigt und rechtfertigt, dann zeigt sich darin eine, nun ja, problematische Auffassung von Literatur; dies wird man als außenstehender Literaturwissenschaftler wohl konstatieren dürfen – und müssen. Innerhalb des literaturtheologischen Diskurses jedenfalls ist die fachinterne Selbstkritik außerordentlich schwach ausgeprägt.
Überhaupt ist es ein verhältnismäßig überschaubarer Kreis von Theologen bzw. Religionsdidaktikern, der sich mit christlicher Literatur und mit den religiösen Dimensionen von Literatur beschäftigt. Konfessionelle Markierungen sind dabei nicht zu übersehen – und werden im übrigen teilweise auch freimütig eingestanden. Der früher einmal angestrebte (und in den 1950er und 1960er Jahren lebhaft betriebene) Austausch zwischen Theologie und Literaturwissenschaft ist schon in den 1980er Jahren geschrumpft zu einem ‘Dialog’, den Theologen mit ‘der Literatur’ führen. Gelegentlich auch mit literarischen Erzeugnissen, die aus ihrer eigenen Feder stammen.
Nicht weiter verwunderlich, dass der einschlägige Diskurs seinen Weg nach außen nicht findet. Am ehesten tut er es über literaturwissenschaftliche Lexikonartikel, aber diese sind – wie könnte es anders sein – von Insidern geschrieben und folgen in Sprache und Topik jahrzehntelang eingeübten Traditionen. Das Projekt einer katholischen Literaturwissenschaft, das seine konfessionelle Motivation und Zielrichtung ja nicht bestreitet, hilft dem Mangel nicht wirklich ab. Entsprechend gering ist im ‘normalen’ literaturwissenschaftlichen Betrieb – leider – das Wissen um die religiösen, geschweige denn um die konfessionellen Dimensionen von Literatur und Literaturwissenschaft.
Dem versucht die Dissertation abzuhelfen, indem sie den einschlägigen Diskurs und seine argumentativen Muster einer nicht denunzierenden, aber kritischen Betrachtung unterzieht. Sie transzendiert, wenn man so will, das bisherige theologische Deutungsmonopol und spiegelt es damit. Vorausgesetzt und systematisch begründet wird dabei die Auffassung, dass im Bereich der sog. ‘christlichen Literatur’ – und weit über diese hinaus – weder die Theologie noch die Literaturwissenschaft einen Primat beanspruchen könne.
Damit eröffnen sich u.a.
- genuin literaturwissenschaftliche (sc. nicht-konfessionelle) Perspektiven auf die religiösen Dimensionen von Literatur, die in sog. ‘ideologiekritischen’ Ansätzen (mangels einschlägiger Kenntnisse) durchweg außer Betracht bleiben,
- nicht-apologetische Sichtweisen auf die sog. ‘christliche Literatur’; damit wird nicht nur dieser Begriff für eine ‘säkulare’ Literaturwissenschaft handhabbar, sondern auch das Genre, literarisch durchaus vielgestaltig, in all seinen Höhen und Tiefen,
- Voraussetzungen für einen ‘Dialog zwischen Theologie und Literaturwissenschaft’, der diese Bezeichnung verdient (und der im übrigen durchaus möglich wäre; ein geeigneter, bisher nicht beachteter Ansatzpunkt findet sich interessanterweise bei Hans Küng),
- Perspektiven auf konfessionelle Markierungen im Umgang mit Literatur im Allgemeinen und mit christlicher Literatur im Besonderen,
- spezifische Aspekte von katholischer Literatur (Morphologie, Topik, Wirkungsästhetik, Ritualisierungspraxis, Kanonbildung etc.), die von der wieder selbstbewusster werdenden ‘katholischen Literaturwissenschaft’ bislang nicht benannt wurden, aus welchen Gründen auch immer,
- differenzierte Einblicke von außen in die Funktionsweise des ‘literarischen Lebens’ im vorkonziliaren westdeutschen Katholizismus.
Die Dissertation lädt ein, eine Auseinandersetzung wie die genannte ernsthaft zu führen; dies wäre dem Anliegen der Literaturtheologie wohl dienlich. Vorausgesetzt natürlich, es besteht ein echtes Interesse daran, Mauern abzutragen, anstatt sie – von innen – immer wieder auszubessern. Es sind weite Mauern, gewiss, und durchaus schön geschmückt mitunter. Aber es sind trotzdem Mauern.
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